Ich erinnere mich noch an den 1000-Meter-Lauf damals in der Schule. Ich war etwa zehn Jahre alt, bin noch recht gerne gelaufen und dieser eine Kilometer kam einem irre lang vor. Irgendwann nach 700, vielleicht 800 Metern habe ich meine Beine kaum noch gespürt. Nicht vor Schmerz, es war als würden sie von ganz alleine laufen. Ich konnte keine Erschöpfung mehr darin spüren und zu einem abschließenden Sprint bis zur Ziellinie ansetzen. Das einzige, auf das ich mich dabei konzentrieren musste war, nicht über meine eigenen Füße zu stolpern, da ich kaum noch eine merkliche Kontrolle über sie hatte. Es war als würden sie völlig wild um mich herum rotieren, wie beim Roadrunner.
Ich musste vorhin wieder daran denken, weil es mir heute ganz ähnlich geht. Das Ziel fest im Blick, aber immer mit der Angst ins Straucheln zu geraten. Ich hänge meiner selbst gesetzten Deadline schon wieder ein wenig hinterher, weil ich zu sehr am aktuellen Kapitel herumkrebse.
In meinem letzten Eintrag, der nun auch schon wieder eine ganze Weile zurück liegt, habe ich mich darüber ausgelassen, sich nicht zu stark auf den eigenen Schreibstil zu konzentrieren, sich nicht davon verunsichern zu lassen, wenn ein Satz nicht direkt rund ist. Nichts von dem, was man heute schreibt liegt morgen einem Gremium vor und geht umgehend in den Druck. Es wird noch mehr als nur ein Mal redigiert und korrigiert werden. Und meistens fühlen sich die Sätze wenn man sie schreibt ganz anders an, als wenn man sie später noch einmal liest. Also keine Panik, was das angeht.
Ein Problem, das mich mittlerweile hingegen stets begleitet ist jedoch weniger stilistischer, sondern inhaltlicher Natur. Eine meiner größten Schwächen ist, die Dinge überstürzen zu wollen, wenn das Ende allmählich absehbar ist. Ich sehe das Ziel und weiß wo es hingehen soll, dabei vergesse ich jedoch nur allzu gerne auch den Leser mitzunehmen. Da ich mir dieser Schwäche bewusst bin, versuche ich nun also um jeden Preis Ruhe in den Text zu bringen, um dem Leser meine Argumentationsweise auch teilhaben zu lassen. Aber auch diese Erkenntnis entpuppt sich wie so oft als Minenfeld.
Aktuell schreibe ich an meinem Romero-Kapitel, das mir vielleicht am meisten am Herzen liegt. Es behandelt die Filme, über die ich schon so viel geschrieben habe und sollte eigentlich ein Selbstläufer sein. Genau dort liegt allerdings das Problem: die grundsätzlichen Dinge, die ich zu erzählen habe, die aufgeschrieben werden müssen, habe ich in den vergangenen Jahren so oft gelesen, geschrieben, erzählt, dass sie beginnen mich selbst zu langweilen. Um mich nun vor meiner Schwäche zu bewahren, das Wesentliche zu überspringen, da ich es fälschlicherweise als bekannt voraussetze, tue ich das komplette Gegenteil und versuche das Kapitel mit Theorien und tiefer gehenden Analysen aufzublähen. Aus dem einzigen Grund, damit es auch in meinen Augen als DAS herausragende Kapitel der Dissertation erscheint. Oft kommen mir dabei Zweifel, ob ich es vielleicht übertreibe, ob nicht teilweise Weniger mehr ist und wie es mir gelingen könnte, mir den Druck zu nehmen, den ich mir selbst aufbürde. Häufig ist es der eigene Anspruch, der einem die Sicht auf das Wesentliche versperrt und der den Schreibfluss mehr als alles andere blockiert.
Vermutlich sind das ganz gewöhnliche Zweifel, die einen begleiten, wenn man etwas wirklich gut machen will. Vermutlich gibt es auch keinen universalen Ratschlag, um diese Unsicherheiten ein für allemal als dem Schreibprozess zu verbannen. Das Wichtigste (und das ist dann vielleicht doch noch der ultimative Rat, der nicht nur fürs Schreiben gilt) sollte doch sein, ein Auge für seine eigenen Schwächen zu entwickeln und sie sich bewusst zu machen. Sich nicht von ihnen verunsichern zu lassen, sondern selbstbewusst mit ihnen umzugehen und sie jedes Mal aufs Neue zu beurteilen.
Das gilt besonders dann, wenn man schließlich sein erstes Feedback erhält. Hier heißt die Devise mehr denn je: Vertrauen haben. Vertrauen in die eigenen Stärken, das Wissen um die Schwächen, vorallem aber Vertrauen in den Korrektor/die Korrektorin. Früher habe ich mich davon oft entmutigen lassen, war niedergeschmettert, hab mich in tiefen Selbstzweifeln verloren. Man vergleicht sich zu oft mit anderen und meint, sie würden im ersten Versuch perfekte Texte schreiben. Dabei vergisst man nur allzu gerne, dass man meist nur die finale Fassung liest und vergisst, wie viel Blut und Tränen, wie viel Korrekturen hinter diesen Fassungen stecken. Heute bin ich froh darüber, dazulernen zu können, mich darüber weiter entwickeln zu können, mir auch die Schwächen bewusst zu machen und auf diese Weise zu versuchen, sie zu vermeiden. Daher bin ich mittlerweile wirklich dankbar für jede Kritik, die ich erhalte, weil sie mich lernen lässt. Und daher weiß ich auch, dass ich ohne meine Korrektoren gar nicht in der Lage wäre, das Ziel zu erreichen. Sie erinnern mich während des finales Sprints daran, dass ich mich auf meine Füße konzentrieren muss, sie sind meine Erfahrung, dass ich ganz genau weiß, wann ungefähr dieser Punkt erreicht sein wird. Nach etwa Zweidritteln der Strecke nämlich. Jetzt bloß nicht stolpern.








